Oda Goerdeler hat neben ihren Gedichten auch eine Reihe von wunderschönen Prosastücken geschrieben, Geschichten, die das Neue, den Neuen Menschen, vorausahnen lassen, wie ich finde. Hier ist eine davon:

Der Leuchtturmwärter und das Mädchen
(von Oda Goerdeler)

 

An einer weit geschwungenen Meeresbucht lag ein Fischerdorf. Die Menschen dort waren vertraut mit dem Anblick der See, kannten ihre vielfältigen Gesichter, ob bei strahlendem Sonnenschein oder brausendem Sturm, und nahmen es in ihrem Leben gleichgültig auf, wenn einmal das Wasser unschuldsvoll schien wie ein Spiegel, oder bald darauf die Wogen übereinanderschlagend daherbrausten. Querköpfe und Sonderlinge gab es unter ihnen – und vielleicht hatte die Natur, der sie so verbunden waren, ihren Anteil daran.
Vor nicht allzu langer Zeit hatte man an einem Ende der Bucht, wohl eine Stunde Wegs vom Dorf, einen Leuchtturm errichtet, fest auf einer Klippe gegründet. Man konnte ihn jedoch in kürzerer Zeit mit einem Boot erreichen und brauchte bei nicht zu bewegter See wenig mehr als eine Viertelstunde dazu. Rudern war jedem Jungen und Mädchen von Kindheit an vertraut. Wenn also der Mann, der oben seinen Dienst versah, nicht selbst herüberkommen konnte, so gab er zum Dorf hin ein verabredetes Zeichen.
Als die Stelle des Leuchtturmwärters eines Tages neu besetzt werden mußte, meldete sich ein junger Mann aus dem Dorf, der meinte, solch ein Dienst würde ihm gefallen. Er gab also sein kleines Gewerbe auf, das ihm ohnehin keine Reichtümer einbrachte, fand den abgelegenen Ort der neuen Arbeit sehr nach seinem Sinn und versah seine Tätigkeit mit größter Gewissenhaftigkeit. Er putzte die Leuchtkörper und Röhren, die kristallenen Spiegel und Scheiben, die vom Seewind immer aufs neue beschlugen, und sorgte nachts wachsam für den gleichmäßigen Rhythmus der weit hinausschwingenden Strahlen. Damals, als weder automatische Anlagen, gar Computer, solche Pflichten erleichterten, war das eine Menge Arbeit.
Der Mann liebte sein Dasein so hoch über der See. Es gab für ihn nichts Schöneres als den großartigen Anblick der hinter den Horizont sinkenden Sonne, wenn in ihrem Rot der Schattenriß eines Schiffes vorbeiglitt; wenn Wolkenränder hochquollen vor solchem Feuerglanz und ein Unwetter ankündigten.
In klaren Nächten drehte sich die Sternenkuppel langsam über ihm fort. Schob sich plötzlich Nebel über die See wie eine Wand aus grauer Watte, so brachte er mit tiefem Schall das warnende Horn zum Tönen. Im Herbst oder Frühjahr vernahm er die Rufe der Zugvögel, die in immer neuen Scharen vorüberzogen. Dann dachte er bei sich, daß die Welt sich kaum veränderte.

 

Hatte er irgendetwas nötig und glaubte seinen Platz nicht verlassen zu dürfen, dann erschien nach seinen Signalen bald ein Bootsmann und brachte die einfachen Dinge, die zum Leben gehörten, das wußte man schon. Bei solcher Gelegenheit wurden Neuigkeiten aus dem Dorf berichtet, in kurzen Sätzen, die einem der Wind vom Mund jagte, und der Leuchtturmwärter ließ seine Mutter grüßen. Machte er sich selbst auch rar genug unter den Menschen, so vergaß man ihn doch nicht und freute sich, wenn er gelegentlich zu Taufe oder Hochzeitsmahl auf ein Stündchen über die Bucht gerudert kam.

Besonders eine junge Nachbarin dachte nicht wenig an den Wärter dort oben und fragte sich, ob er seine Einsamkeit wohl aushalten könne. Manchmal stellte sie sich im späten Sonnenlicht des Tages auf einen Felsbuckel am Strand und schaute über die Bucht zum Turm hinüber. Sie besaß einen schönen roten Schal, den band sie gegen den Wind um, und seine langen Enden flatterten.
„Wenn er es sieht“, dachte sie, „könnte er es für ein Zeichen halten.“ Das sollte es auch sein.
Der Leuchtturmwärter hatte wohl bemerkt, wie häufig dort jemand stand und über das Wasser schaute. Trotz seiner geübten Augen konnte er jedoch nicht erkennen, wer es war. Natürlich besaß er ein Fernrohr. Doch weil er nicht auf den Gedanken verfiel, jemand wolle ihm Zeichen machen, nahm er es gar nicht erst vom Nagel. Doch fragte er eines Tages so nebenbei den Bootsmann, wer denn da im Dorf so viel Zeit hätte, immer über die See zu schauen.

Es sei das Mädel aus seiner dörflichen Nachbarschaft, wurde ihm Bescheid.
„Vielleicht schaut sie nach dir aus“, meinte der Bootsmann aus Jux, wie Männer so reden.
„Soll sie mich doch besuchen, wenn sie Mut hat“, gab der Wärter trocken zurück, und mehr wurde nicht gesprochen.

Bei nächster Gelegenheit sagte der Bootsmann diesen Satz an die richtige Adresse weiter und fügte noch lachend hinzu:
„Kannst mein Boot nehmen!“
Mut! Warum sollte eine Mut brauchen, dachte das Mädel bei sich. Mut – den hatte man oben. Aber war die Behausung des Turmes denn eine Löwenhöhle? Der Mann dort oben schien nicht gerade ein Räuberhauptmann, sie kannte ihn doch, den stillen Nachbarn. Noch keines von den Mädchen des Dorfes war je auf dem Leuchtturm gewesen. Sie selbst aber hätte den Ort und seine Einrichtung mit dem Blick hoch über die See gerne kennengelernt. Es war wahr, sie hatte auch an den Mann dort oben Gedanken gewendet. War es zu glauben, daß er wirklich so viel Arbeit hatte und sich nur ausnahmsweise vom Turm lösen konnte? War ihm wohl zu helfen, oder gehörte er zu jenen, die meinen, alles allein machen zu müssen? Blankere Scheiben, als die der Fenster ihres Häuschens würde wohl niemand im Dorf finden. Wenn sie ihm half – vielleicht mochte er öfter mit ihr zusammen hinüber ins Dorf rudern und unter Leute kommen. So machte sie sich ihre Gedanken, doch sprach mit niemandem darüber.
Eines Tages steckte sie ihren roten Schal zu sich und stieg in den Kahn des Bootsmanns. Sie ruderte erst wie zum Spaß ein wenig in der Bucht umher, ihr Vorhaben nochmals bedenkend. Sie scherte sich kaum darum, was die Leute reden könnten – klar, die mochten lästern. Doch – welchen Empfang konnte sie eigentlich am Turm erwarten? Einerlei, es würde sich zeigen. Sie wollte sich selbst, sie wollte den Mann dort oben erproben.
Mit diesem Entschluss begann sie die Richtung zum Leuchtturm zu messen. Dabei sah sie, wie der Farbton des Horizontes verdunkelte, ein Wetter ankündigend. Ha – sie würde sich anstrengen müssen. Damit begann sie das Boot zügig gegen den auffrischenden Wind über die Bucht zu treiben. Nach der Rückkehr fragte sie noch nicht, sondern freute sich des Wellentanzes, der erst begann.
An der Klippe schleuderten die Wellen bereits hohe Spritzer in den Wind. Geschickt steuerte sie das Boot an die Fundamente des Turms und kettete es an.
Die schwere Eisentür war fest geschlossen, das war nicht anders zu erwarten. Ein starker Klopfer hing daneben. Den faßte sie und begann gegen die Tür zu donnern, daß es innen dumpf aufwärts hallte. Um sie herum übertönte der Lärm der brechenden Wellen jedes andere Geräusch. Sie aber stand und suchte sich wartend einen Windschutz am Gemäuer. Wieviele Stufen hat wohl die Treppe da drinnen – ist da noch eine Zwischentür – wie lange braucht man, um hinunter zu kommen – wenn man die Klopftöne überhaupt hört? Hätte der da oben nicht eigentlich längst vorher das Boot bemerken müssen? Oder hatte er nur das aufkommende Wetter beobachtet?
Ja – das waren nun Fragen! Längst hatte das Mädchen ein zweites, ein drittes Mal den Klopfer gerührt.
Es war nichts, war nichts mit der Probe. Kaum je würde sie erfahren, warum ihr nicht geöffnet wurde. Da nahm das Mädchen schnell entschlossen den roten Schal ab und band ihn mit festem Knoten an den Klopfer, hiermit dem einsamen Mann ein Zeichen überlassend, der mochte denken, was er wollte.
Im Wogentanz zurückrudernd schaute sie über die Wellenkämme zum Leuchtturm auf der Klippe, ohne jedes Bedauern.Warum hätte sie sich den Mann dort oben anders wünschen sollen? Er lebte wohl zufrieden in seinen Aufgaben, seiner Gewissenhaftigkeit und schaute nicht nach Menschen aus, sonst hätte er sie doch bemerkt. Nie hätte sie die erste Stelle in seinem Leben einnehmen können, das war wohl seine Arbeit. Mehr als eine kleine bunte Blume wäre sie dem nicht gewesen – und wie lange blüht eine Blume schon? Ihr aber war das nicht genug.
Als das Boot, weit ins Innere der Bucht getrieben, an die Küste stieß, ließ sie es einfach dort liegen, denn nun war sie müde und naß vom Kampf mit den Wellen. Am nächsten Morgen verschloss sie ihr Häuschen und verließ das Dorf, ein anderes Leben beginnend.
Der Bootsmann suchte fluchend seinen Kahn und als er damit wieder zum Leuchtturm ruderte, sah er am Klopfer den roten Schal hängen. Er machte sich seinen Vers darauf und übergab ihn grinsend dem Leuchtturmwärter, der ihn an seinen Bettpfosten band. Da hing er lange wie ein Orden.

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